
Bevor ich überhaupt bei meinen Eltern ausgezogen bin, um mein erstes WG-Zimmer zu beziehen, habe ich mir von meinem Zivildienstgehalt einen Schallplattenspieler und eine Hifi-Anlage gekauft. Noch bevor ich also ein eigenes Zuhause hatte, stand für mich schon fest, dass Musik darin eine zentrale Rolle spielen würde. Mich faszinierte diese magische, analoge Technik, von der ich mir einen intensiveren und direkteren Zugang zu meiner Lieblingsmusik versprach.
Zur selben Zeit verbrachte ich als Gitarrist einer Band unzählige Stunden im Proberaum, um Sounds zu rekreieren, die meine großen musikalischen Helden geprägt hatten. Besonders beeindruckt war mein junges Gitarristenherz von Tom Morello von Rage Against the Machine und Audioslave. Für mich war er so etwas wie der Salvador Dalí des Gitarrensounds: exzentrisch, unkonventionell, einprägsam, innovativ, Grenzen durchbrechend. Der Start von Cochise reißt mich bis heute jedes Mal mit durch die Art wie Morello mit seiner Stratocaster einen Hubschrauber nachahmt.
Im besagten Proberaum gab es damals noch einen alten Fernseher und die einzige DVD, die drüber lief, war Lauryn Hills berühmtes MTV Unplugged. Wir konnten uns ihrem rohen Talent und ihrer Verletzlichkeit auf der Bühne einfach nicht entziehen. Dass somit The Miseducation of Lauryn Hill Teil einer jeden Plattensammlung, die was auf sich hält, sein muss, ist wohl klar.
Zuhause bei meinen Eltern lief jedoch ganz andere Musik. Ich wuchs in einem sehr musikalischen Haushalt auf, allerdings anders, als man es sich vielleicht vorstellt. Meine Mutter hörte einfach oft und laut Musik, am liebsten beim Putzen. Um genau zu sein, Vietnamesische Folklore, die sie an ihre Heimat erinnerte, die sie mit 18 Jahren verlassen hatte. Als Kind nervten mich diese Melodien und ich war froh, wenn ich sie durch meine geschlossene Kinderzimmertür ausblenden konnte. Mindestens genauso genervt war meine Mutter von meiner Musik. Einen gemeinsamen Nenner gab es überraschenderweise dennoch: Sade. Ihren weichen, hypnotischen Songs konnte niemand bei uns Zuhause widerstehen. Rückblickend verbinde ich Sades Songs immer mit diesen wundervollen Momenten, die eine Brücke zwischen Generationen und Kulturen geschaffen hat.






